RATGEBER

Ohrwurm loswerden: Was hilft, wenn eine Strophe nicht aufhört

Von Oliver Bardenheier · 8. Oktober 2026

Einen Ohrwurm wirst du nicht los, indem du ihn verbietest. In einer Tagebuchstudie waren Versuche, ihn zu blockieren, weniger erfolgreich, als ihn hinzunehmen. Besser belegt sind andere Wege: das Lied anhören, den Kopf mit Sprache beschäftigen, Kaugummi kauen. Und für die Nacht gilt: Musik früher aus.

Die Schleife mit Musik

Mein Kopf hat neben Sorgen und Ideen eine dritte Sparte im Programm: Musik. Bei mir läuft ständig irgendein Lied, mal ein Hit, mal etwas Lustiges, gern aus dem Karneval. Wer ein Buch namens „Kopfkarneval“ schreibt, hätte das kommen sehen können. Gespielt wird nie das ganze Stück, nur eine kurze Passage, manchmal eine einzige Strophe, und die so oft, bis ich sie dem Lied persönlich übel nehme.

Damit bin ich in großer Gesellschaft. Die allermeisten Menschen kennen Ohrwürmer, und die meisten Episoden stören nicht weiter (Williamson und Kollegen 2014). In einer Untersuchung der Universität Reading waren die Lieder von Mensch zu Mensch sehr verschieden, aber immer solche, die die Betroffenen gut kannten, und dass ein Ohrwurm länger als einen Tag wiederkehrte, war selten (Beaman und Williams 2010).

Ein Ohrwurm ist kein Grübeln. Er hat kein Thema, keine offene Frage und will nichts von dir. Aber er führt im Kleinen vor, was der Kopf auch mit Sorgen tut: Er wiederholt, ohne zu fragen. Das ist meine Deutung, keine Forschung.

Was die Forschung zeigt

Wegdrücken hilft am wenigsten. Beaman und Williams (2010) werteten eine Umfrage und Tagebücher aus. Aktive Versuche, den Ohrwurm zu blockieren oder loszuwerden, waren weniger erfolgreich, als ihn einfach hinzunehmen. Die Forscher sehen darin ein bekanntes Muster: Was man auf keinen Fall denken will, drängt sich erst recht auf.

Das Lied aufsuchen oder Sprache dagegensetzen. Williamson und Kollegen (2014) sortierten 1.046 Berichte aus Finnland und Großbritannien darüber, wie Menschen auf Ohrwürmer reagieren. Viele ließen die Musik einfach laufen oder genossen sie sogar. Wer sie loswerden wollte, nannte zwei Wege am häufigsten und empfand sie auch als die wirksamsten: das Lied gezielt anhören und sich mit anderer Musik oder mit Sprache ablenken.

Kaugummi. Beaman, Powell und Rapley (2015) ließen in drei Experimenten Kaugummi kauen. Das Kauen verringerte die Zahl der Musikgedanken, der gewollten wie der ungewollten. Die Erklärung der Forscher, vereinfacht: Wer ein Lied im Kopf hört, singt innerlich ein Stück weit mit, und ein beschäftigter Mund stört dabei.

Nachts. Scullin und Kollegen (2021) befragten zuerst 199 Menschen, im Schnitt knapp 36 Jahre alt. Wer häufig Musik hörte, berichtete von hartnäckigen nächtlichen Ohrwürmern, und die gingen mit schlechterem Schlaf einher. Das ist ein Zusammenhang, kein Beweis für eine Ursache. Im Schlaflabor hörten dann 50 Teilnehmer, im Schnitt 21 Jahre alt, vor dem Zubettgehen bekannte Lieder, per Los mit Gesang oder nur instrumental. Ausgerechnet die Fassungen ohne Gesang brachten mehr Ohrwürmer in der Nacht und messbar schlechteren Schlaf.

Zwei dieser Arbeiten beruhen auf dem, was Menschen über sich selbst berichten, die Experimente fanden im Labor statt, und ein Mittel gegen nächtliche Ohrwürmer hat die Schlafstudie nicht geprüft. Was bei dir wirkt, zeigt nur der Versuch. Die Arbeiten zeigen aber in dieselbe Richtung: Umlenken klappt eher als Verbieten.

So gehst du vor

  1. Lass ihn laufen. Nicht dagegen ansingen, nicht wegdenken. Behandle die Strophe wie einen Zug am Bahnsteig: einfahren lassen, nicht einsteigen. Der Zug hat diesmal nur eine Blaskapelle an Bord.
  2. Hör dir das Lied an. Such es heraus und spiel es ab, statt der einen Strophe im Kopf zuzuhören. In den Berichten war das einer der zwei Wege, die am häufigsten als wirksam genannt wurden.
  3. Setz Sprache dagegen. Ein Gespräch, ein Hörbuch, laut lesen. Oder ein anderes Lied, auf die Gefahr hin, dass du nur den Fahrgast wechselst.
  4. Kau Kaugummi. Das klingt nach Hausmittel, ist aber im Labor geprüft.
  5. Abends: Musik früher aus. Als Gegenmittel getestet hat das niemand, nach der Schlafstudie liegt es aber nahe. Das gilt vor allem für eingängige Stücke und, anders als man denken würde, auch für Instrumentalfassungen bekannter Lieder.

Und wenn dich nachts etwas anderes wachhält?

Die Idee, den Ohrwurm in mein Buch aufzunehmen, kam mir nachts. Ich habe sie nicht aufgeschrieben und lag deshalb eine Weile wach, obwohl in diesem Buch steht, was man dann tut: Zettel und Stift neben das Bett. Wie die ganze Abendroutine geht, steht im Artikel Nachts grübeln: Was dir am Abend beim Einschlafen hilft.

Und wenn statt einer Strophe ein Gedanke in Dauerschleife läuft, gilt dasselbe Prinzip: nicht mit ihm streiten, sondern Abstand gewinnen. Zwei Wege dazu stehen im Artikel Kopfkino abschalten.

Ohrwürmer sind lästig, aber in aller Regel harmlos. Belastet dich Musik im Kopf über Wochen stark, sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt. Das Buch und diese Seite ersetzen keine Behandlung.

Weiterlesen: Nachts grübeln: die Abendroutine · Gedankenkarussell stoppen: die Grübelzeit · Kopfkino abschalten: Abstand zu deinen Gedanken · Über das Buch

Quellen