RATGEBER
Nachts grübeln: Was dir am Abend beim Einschlafen hilft
Nachts lässt sich an deinen Sorgen nichts tun: Um drei Uhr gibt es keinen Anwalt, den man anruft, und keine Unterlage, die man nachschlägt. Deshalb gehört die Arbeit an ihnen auf den frühen Abend. Zwei kleine Studien zeigen, was dort hilft: eine Lösungsspalte neben jeder Sorge und eine genaue Liste für morgen.
Warum der Kopf nachts erst richtig anfängt
Ich habe nächtelang eine weiße, glatte Zimmerdecke angestarrt, ohne Riss, ohne irgendetwas, woran sich ein Blick hätte festhalten können. Mein Kopf holte währenddessen einen Vertrag ins Bett und blätterte ihn durch, Seite für Seite, auf der Suche nach dem einen Satz, der uns hinausließ.
Früher gab es im Fernsehen einen Sendeschluss. Irgendwann nach Mitternacht kam das Testbild, und wer dann noch wach vor dem Gerät saß, hatte keinen Vorwand mehr. Der Kopf hat keinen Sendeschluss. Er beginnt um Mitternacht erst mit dem Nachtprogramm, und gezeigt wird immer dieselbe Wiederholung. Tagsüber lenkt ihn der Betrieb ab. Im Dunkeln fällt diese Ablenkung weg, und jede offene Schleife meldet sich zu Wort.
Was die Forschung zeigt
Sorgen mit Lösungsspalte. Carney und Waters (2006) arbeiteten mit 33 Studierenden, die über Schlafprobleme klagten. Nach zwei reinen Messabenden schrieben die Teilnehmer an fünf weiteren Abenden. Die eine Gruppe notierte zu ihren Sorgen mögliche Lösungen, die Forscher nannten das „konstruktives Sorgen“. Die andere schrieb ihre Sorgen auf und füllte Fragebögen dazu aus. Die Lösungsgruppe war vor dem Einschlafen gedanklich ruhiger, verglichen mit der anderen Gruppe und mit ihren eigenen Werten vom Anfang. Sorgen bloß aufzuschreiben, brachte weniger als Sorgen mit einer Lösungsspalte.
Liste für morgen. Scullin und Kollegen (2018) gingen noch näher ans Kopfkissen heran. 57 gesunde junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren schrieben im Schlaflabor fünf Minuten lang, bevor das Licht ausging. Die eine Hälfte schrieb auf, was sie in den nächsten Tagen erledigen musste, die andere, was sie in den letzten Tagen erledigt hatte. Die Gruppe mit der Liste für morgen schlief deutlich schneller ein. Und je genauer jemand seine Liste schrieb, desto schneller schlief er ein. Bei der Liste mit Erledigtem zeigte sich eher das Gegenteil.
Beide Studien sind klein, die Teilnehmer jung, die zweite fand im Schlaflabor statt. Das ist nicht dasselbe wie dein eigenes Bett nach einem langen Tag. Der Befund passt aber zu einer alten Beobachtung der Grübelforschung, und diese Verbindung ist meine Einordnung: Was auf dem Papier steht, muss der Kopf nicht mehr festhalten.
So gehst du vor: die Abendroutine
- Am frühen Abend: Sorge mit Lösungsspalte. Nimm dir ein paar Minuten, nicht im Bett und nicht auf dem Sofa. Schreib jede Sorge auf, die dich heute Nacht besuchen könnte, und daneben einen möglichen nächsten Schritt. Er muss nicht die Lösung sein, nur ein Schritt in ihre Richtung.
- Vor dem Schlafen: fünf Minuten Liste für morgen. Schreib auf, was in den nächsten Tagen ansteht, und zwar so genau wie möglich. Nicht „Steuer“, sondern „Dienstag nach dem Frühstück: Belege aus dem Ordner suchen“. Die Genauigkeit ist kein Selbstzweck: In der Studie hing der schnellere Schlaf an ihr.
- Zettel und Stift neben das Bett. Wachst du nachts auf und etwas meldet sich, schreib ein Stichwort auf und leg den Stift weg. Papier ist dafür besser als das Handy: Wer das Handy entsperrt, bleibt selten bei der Notiz.
- Eine Woche lang, jeden Abend. Einzelne Abende sagen wenig. Nach einer Woche siehst du, ob sich etwas verändert hat. Notier dir dazu jeden Morgen, ob du schnell, mittel oder langsam eingeschlafen bist.
Und wenn dich eine gute Idee wachhält?
Nicht alles, was wach hält, ist Sorge. Eine gute Idee hält genauso wach wie eine schlechte Nachricht, sie fühlt sich dabei nur besser an, und deshalb wehrt man sich weniger. Sichere sie in dem Moment, in dem sie auftaucht, mit einem Stichwort und einem ersten Schritt. Ausgearbeitet wird sie morgen. Dass das auch für Ideen gilt, steht in keiner der beiden Studien, sie handeln von Sorgen und Aufgaben. Es ist meine eigene Übertragung, und bei mir trägt sie.
Wenn es hakt
Ich wache um drei auf, und es geht trotzdem los. Schreib ein Stichwort auf den Zettel und sag dir: Steht auf der Liste. Kommt der Gedanke wieder, lass ihn weiterziehen wie einen Zug am Bahnsteig. Du musst ihn nicht lösen, du musst nur nicht einsteigen.
Die Liste für morgen macht mich erst recht nervös. Dann ist sie zu lang oder zu groß. Nimm nur die nächsten Tage und nur Schritte, die sich tun lassen. „Leben in Ordnung bringen“ ist kein Schritt. „Mittwoch die Versicherung anrufen“ ist einer.
Schlaf hat viele Ursachen, und nicht alle wohnen im Kopf. Wenn du seit Wochen schlecht schläfst, egal was du aufschreibst, sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt. Das Buch und diese Seite ersetzen keine Behandlung. In akuten Krisen erreichst du die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, den Notruf unter 112. Sachliche Informationen rund um den Schlaf findest du bei der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin und im Gesundheitsportal des Bundes.
Weiterlesen: Gedankenkarussell stoppen: die Grübelzeit · Kopfkino abschalten: Abstand zu deinen Gedanken · Über das Buch
Quellen
- Carney, C. E. & Waters, W. F. (2006). Effects of a structured problem-solving procedure on pre-sleep cognitive arousal in college students with insomnia. Behavioral Sleep Medicine, 4(1), 13 bis 28. doi:10.1207/s15402010bsm0401_2
- Scullin, M. K., Krueger, M. L., Ballard, H. K., Pruett, N. & Bliwise, D. L. (2018). The effects of bedtime writing on difficulty falling asleep: A polysomnographic study comparing to-do lists and completed activity lists. Journal of Experimental Psychology: General, 147(1), 139 bis 146. doi:10.1037/xge0000374